Wolfgang Schulz im Interview "Geodaten in den Workflow bringen" in der Zeitschrift Business GeomaticsIm Gespräch: Wolfgang Schulz, Geschäftsführer PDV-Systeme GmbH
"Geodaten in den Workflow bringen"
Rund zehn Jahre firmierten PDV-Systeme und Geomagic in Erfurt getrennt nebeneinander - mit dem gleichen Gründer, Besitzer und Geschäftsführer Wolfgang Schulz. Während die deutlich größere PDV vor allem im Bereich E-Government und Workflow-Optimierung tätig ist, fand die Geomagic ihr Auskommen als Smallworld Partner. Jetzt fusionierten beide Unternehmen. Mit Schulz sprach Business Geomatics Chefredakteur Timo Thalmann über die Hintergründe, veränderte Märkte und den Umstand, dass Geodaten nicht nur den Netzmeistern nützen können. ![]() Business Geomatics: Seit zehn Jahren existierten die PDV-Systeme GmbH und die Geomagic GmbH als zwei Unternehmen unter der gleichen Adresse mit Ihnen als Geschäftsführer in Doppelfunktion nebeneinander. Im Mai haben Sie die Firmen miteinander verschmolzen und firmieren jetzt nur noch als PDV-Systeme. Hätte man das nicht schon früher haben können?
Wolfgang Schulz: Dass die beiden Unternehmen parallel existierten hat zum einen natürlich eine konkrete Geschichte, zum anderen aber auch Gründe in der Marktentwicklung. Als ich 1994 die Geomagic gründete - PDV-Systeme gab es da schon vier Jahre - bot Smallworld mit seinem Geoinformationssystem eine objektorientierte Technologie an, die ich aus unserer Arbeit mit Optimierungen des Workflows kannte und für zukunftsträchtig hielt. Da erschien es opportun, für das Thema GIS eine eigenständige Firma zu gründen, zumal die britische Smallworld in Ostdeutschland Fuß fassen wollte und Partner suchte. Zu diesem Zeitpunkt stand die Geoinformatik zudem am Beginn eines Booms. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre konnten wir mit Geomagic jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten erzielen. Das ist heute nicht mehr so.
Dann dient die Fusion schlicht der Rettung der Geomagic?
Auf gar keinen Fall! Beide Unternehmen sind gesund, aber es ist ja nicht nur bei uns so, dass die Umsätze mit GIS stagnieren. Die Fusion nimmt eine Marktentwicklung vorweg. Das Thema GIS und Geodaten wird heute beispielsweise im Energiesektor von niemandem mehr isoliert betrachtet. Die Unternehmen haben in der Vergangenheit sehr viel in die Digitalisierung ihrer Kartenschränke investiert, und in Zeiten knapper Kassen fragen sich die Verantwortlichen natürlich zu Recht, wofür man all das Geld ausgegeben hat. Lediglich mehr Effizienz der Netzmeister bei der Suche nach Daten kann es eigentlich nicht sein. Ihren wirklichen Mehrwert entfalten Geodaten doch erst, wenn sie in Geschäftsprozesse eingebunden sind, wenn sie in den Workflow integriert sind. Unsere Kunden brauchen also einerseits die Geo-Kompetenz, anderseits das Know-how, unternehmerische Prozesse mit Software abzubilden und zu optimieren. Genau diese Kombination erreichen wir durch die Fusion.
Aber die Unternehmen haben doch auch bisher zusammengearbeitet. Im Produktportfolio der PDV-Systeme findet sich mit GeoVIS eine Komponente von Entwicklern der Geomagic, um Daten aus Geoinformationssystemen in ein Dokumentenmanagement zu integrieren.
Das ist richtig, und gerade so eine Vorgeschichte macht den Zusammenschluss für die Mitarbeiter einfach. Entscheidend für die Fusion ist aber nicht die Kooperation der Programmierer, sondern die Aufstellung des Vertriebs. Der Kunde verlangt heute entweder GIS und Integration in den Workflow, oder die Integration ist das entscheidende Argument für Investitionen in ein GIS. Das kann nur ein "integrierter" Vertrieb leisten. Gleiches gilt auch für sämtliche Aktivitäten von Bund und Ländern beim E-Government. Geodaten sind dort ein wichtiges Thema, aber immer nur als integrierter Teil einer Gesamtlösung. Wir haben frühzeitig genau in diese Geschäftsgebiete investiert und haben heute damit ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Markt.
Bei diesen Gesamtlösungen wiederum ist die Software der PDV-Systeme häufig nur ein Teil des Ganzen. Sie pflegen Partnerschaften mit Oracle, Hewlett-Packard oder T-Systems, die beim Thema Workflow in ihren E-Government-Projekten auf die PDV-Systeme setzen. Werden diese Branchengrößen das auch beim Thema GIS tun?
Das wird die wirklich spannende Frage, und da gibt es auch noch Nachholbedarf in der Wahrnehmung dieses Aspekts. Aber ich denke, wir können uns da Gehör verschaffen: Die PDV-Systeme ist das einzige Unternehmen, das nach den Anforderungen von Domea zertifizierte Software für die Darstellung von Geodaten liefern kann. GeoVIS basiert auf MapViewer und Spatial Cartridge von Oracle. Damit ist die Komponente auch in die Oracle E-Business und E-Government Suiten integrierbar.
Bleibt da Platz für die Smallworld-Kunden?
Die PDV-Systeme wird wie zuvor Geomagic der Brückenkopf zu Smallworld sein. Alle Kunden erhalten weiterhin Support, alle Verträge werden fortgeführt, alle Ansprechpartner bleiben erhalten. Und darüber hinaus werden gerade die Smallworld-Nutzer von der neuen Workflow-Kompetenz profitieren. Wir wollen nicht nur neue Projekte, Lösungen und Dienstleistungen anbieten. Unser strategisches Ziel ist es, Standardprodukte zu entwickeln. Der Markt ist nach rund 8000 verkauften Lizenzen von VISkompakt, unserer gemeinsam mit Hewlett-Packard entwickelten Workflow-Lösung für die öffentliche Verwaltung, reif für standardisierte Produkte. Dazu braucht ein Unternehmen zum einen eine gewisse Konzentration, zum zweiten ausreichende finanzielle Mittel. Beide Bedingungen sind erfüllt.
In einer Pressemitteilung von Ihnen ist von einem "privatwirtschaftlichen Investor" die Rede. Wer investiert in die neue PDV-Systeme GmbH?
Es ist ein stiller Investor mit ausschließlichem Interesse an einer Rendite, der keine strategischen Ziele mit dem Unternehmen verfolgt. Ein privater Business-Angel, wenn Sie so wollen.
Sie stellen den Zusammenschluss als eine Forderung des Marktes dar und sagen, nur die Integration von GIS in die Geschäftsprozesse von Unternehmen oder Behörden schaffe den entsprechenden Mehrwert. Mit dieser Meinung stehen Sie derzeit zwar nicht allein dar, gleichwohl könnte die Idee auch nur ein aktueller, um nicht zu sagen kurzlebiger Trend sein.
Ich bin mir sicher, dass uns das Thema noch länger beschäftigt. Nicht nur weil in der Tat viele darüber reden, sondern weil es uns in so verschiedenen Formen branchenübergreifend begegnet. Beim E-Government spielen Geodaten in vielen Prozessen eine Rolle. Bei den Energieversorgern begegnet uns die Integrationsfrage, wenn es um die Instandhaltung der Netzanlagen geht. Die Pipelinebetreiber beschäftigen sich mit an der tatsächlichen Korrosion orientierten Wartungsintervallen. Im Kern dreht es sich dabei immer um mögliche Kostenersparnisse. Die selbstverständliche Verwendung von Geodaten als Dokumententeil in den Arbeitsabläufen - das ist es, was den wirtschaftlichen Vorteil ausmacht.
Sehen Sie neben der öffentlichen Verwaltung und den Versorgungsunternehmen noch weitere Märkte für Ihr Unternehmen, in denen in den Workflow integrierte Daten eine Rolle spielen?
Überall wo Geodaten eine Rolle spielen, beziehen sie ihren Wert durch Integration. Das gilt für Behörden und Versorger, das ist aber auch bei kirchlichen Einrichtungen, bei Banken und Versicherungen oder in der Immobilienwirtschaft der Fall. Mittelfristig sind das alles potenzielle Kunden für unsere kommenden Produkte…
… die aber dann T-Systems oder Hewlett-Packard verkaufen?
Wir sind und bleiben auch nach der Fusion ein Mittelständler mit aktuell rund 120 Mitarbeitern und etwas über 14 Millionen Euro Jahresumsatz. Und natürlich wollen wir wachsen - ich sehe uns in fünf Jahren bei 250 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Umsatz - aber wir müssen auch realistisch bleiben und schauen, welche Aufträge wir alleine stemmen können. Ein mittleres Versorgungsunternehmen macht uns in dieser Hinsicht keine Sorgen, aber wenn es um E-Government-Lösungen in einem ganzen Bundesland geht, brauchen wir strategische Partnerschaften mit größeren Playern. Und dafür brauchen wir standardisierte Produkte.
So schließt sich der Kreis. Wie sehen das eigentlich die betroffenen Mitarbeiter? Firmenzusammenschlüsse sorgen gewöhnlich immer für etwas Unruhe.
Ich habe die Situation der Märkte und meine Einschätzung dazu im Unternehmen nie verheimlicht. Insofern kommt die Verschmelzung nicht aus heiterem Himmel, sondern ist das Ergebnis eines Prozesses, der in den Unternehmen kontinuierlich kommuniziert wurde. Die Mitarbeiter kennen sich von gemeinsamen Projekten. Die wichtigste Botschaft ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass durch die Fusion keine Arbeitsplätze abgebaut werden. Im Gegenteil: Wir wollen ja wachsen und schaffen dafür jetzt die Voraussetzungen.
Quelle: Business Geomatics Ausgabe 5/04 |

