Deutschland wieder an die Spitze zurückführenEin Interview mit dem Oracle Senior Vice President Rolf Schwirz
Am 1. Juni 2006 war Rolf Schwirz, Senior Vice President von Oracle Western Continental Europe (WCE), zu Gast bei der PDV-Systeme GmbH. Es war der erste Geschäftsbesuch in seiner neuen Funktion. Noch bis Ende Mai leitete Rolf Schwirz die ORACLE Deutschland GmbH. So trafen sich in Erfurt zwei Partner, die bereits über viele Jahre erfolgreich zusammenarbeiten. In einem mehrstündigen Gespräch erörterten Rolf Schwirz und PDV-Geschäftsführer Wolfgang Schulz Möglichkeiten für den Ausbau der gemeinsamen Entwicklungs- und Vertriebspartnerschaft. Am Ende des Arbeitstages gewährte Rolf Schwirz der Fachzeitschrift PDVNews ein Interview.
PDVNews: Sie haben eine neue internationale Aufgabe übernommen. In wie weit bleibt das Deutschland-Geschäft für Sie interessant?
R. Schwirz: Deutschland ist das größte und wichtigste Land innerhalb der WCE*. Nicht umsonst befindet sich eine der größten Tochtergesellschaften der Oracle Corporation genau hier. Insofern wird sich mein Fokus weiterhin auf Deutschland richten. Beim Verkauf von Datenbank- und Middleware-Produkten, also im Technology-Bereich, ist Deutschland für uns in der Division Europa, Mittlerer Osten und Afrika mit Abstand der bedeutendste Markt und weltweit die Nummer drei. Die Herausforderungen liegen im Bereich Applications. Dort operieren wir auf Feldern, die bisher von SAP-Produkten dominiert wurden. Wir sehen aber durchaus Chancen, ähnliche Erfolge wie unser Mitbewerber zu erreichen.
PDVNews: Wie schätzen Sie die eGovernment-Perspektiven in Deutschland im Vergleich zu den anderen WCE-Staaten ein?
R. Schwirz: Der eGovernment-Markt in Deutschland ist noch nicht vollständig entwickelt, d.h. wir sehen noch zahlreiche zu vergebende Marktanteile. Haupterfolgsfaktor ist natürlich, dass die vorhandenen Standardsoftware-Pakete maximal auf die Bedürfnisse des eGovernment-Marktes mit dem größtmöglichen Nutzen für den Kunden abgestimmt werden. Deshalb hat für uns die Partnerschaft mit der PDV-Systeme GmbH größte Priorität. Das Unternehmen hilft uns bei der Anpassung unserer Softwareprodukte. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, dass in Deutschland der eGovernment-Markt noch nicht ausgereift ist, ist eine höfliche Umschreibung dafür, dass hier zu Lande eigentlich auf dem Gebiet der Öffentlichen Verwaltungen viel mehr passieren müsste. Andere Länder wie Großbritannien oder Dänemark sind in dieser Hinsicht schon viel weiter. Ich sehe für unsere leidenden Öffentlichen Haushalte große Entlastungsmöglichkeiten, indem IT in einem viel größeren Umfang und mit mehr Intelligenz angewandt wird, als das bisher der Fall ist.
PDVNews: Inhalte und Tempo von eGovernment sind in den WCE-Staaten sehr unterschiedlich. Gibt es für eGovernment dennoch Schnitt-Mengen, aus denen Synergie-Effekte erwachsen könnten?
R. Schwirz: Ja natürlich sollte man sich in den anderen Ländern umsehen und von guten eGovernment-Anwendungen lernen. Allerdings muss dabei berücksichtigen werden, dass das gesetzliche Umfeld eine wichtige Rolle spielt. Und das ist in den Ländern höchst unterschiedlich. Wenn z.B. in Großbritannien ein Bürger umzieht, dann kann er die erforderliche Ummeldung via Internet vornehmen. Das ist sehr einfach und bequem. Bestimmt ist ein derartiger Service auch in Deutschland gefragt. Aber dazu müssen erst noch die verwaltungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Technisch ist die Umsetzung überhaupt kein Problem. Aber solange es in Deutschland noch eine Präsenzpflicht gibt, d.h. solange man noch physisch beim Einwohnermeldeamt anwesend sein muss, damit gewisse Verwaltungsprozesse ablaufen können, solange können wir auch keine IT-Technologien einsetzen. Für eine Modernisierung der deutschen Verwaltungslandschaft müsste also ein Gleichschritt hergestellt werden zwischen den Fachleuten, die das technische Wissen besitzen, und denen, die Verwaltungsrichtlinien und Gesetze erlassen.
PDVNews: Haben Sie noch einen Wunsch?
Ich wünsche mir, dass Deutschland Fußball-Weltmeister wird.
PDVNews: Dann dürfen Sie sich noch etwas wünschen …
Gut, dann würde ich mir wünschen, dass sich die Menschen in Deutschland wieder mehr ihrer Vorbildfunktion bewusst werden – und zwar in allen Bereichen. Damit Deutschland seiner Verantwortung gerecht werden kann, muss man sich hier zu Lande bewusst werden, dass Deutschland verändert werden muss. Deutschland muss wieder wettbewerbsfähiger gemacht werden. Dazu ist es erforderlich, dass die Verantwortlichen die richtigen Dinge tun, unabhängig davon, welche Ideologie sie vertreten und welcher Partei, Gewerkschaft oder welchem Lager sie angehören. Ich wünsche mir, dass sich die verschiedenen Parteien, die Wirtschaft und auch die Gewerkschaften in einen Veränderungsprozess einbringen, der Deutschland wieder an die Spitze der globalen Märkte zurückführt. Manche werden einwenden, dass ein solcher Wunsch eine Fiktion bleiben wird. Aber ich glaube, dass die beschriebene Entwicklung eintreten muss.
Zur Oracle-Geschäftsregion „Western Continental Europe" (WCE) zählen 13 Länder: Deutschland, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Portugal und Spanien, Italien, Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und die Schweiz. |

